Musik und ich - Teil 1

Musik und ich – Teil 1: Mein musikalischer Lebenslauf

Eigentlich hätte das einfach ein kurzer Artikel werden sollen, mit welchem ich aufzeigen wollte, wieso das Team vom BongoBoulevard es schafft, dass ich mich jede Woche neu fürs Musizieren kann und welche Freude es in mir auslöst. Doch daraus wurde mehr. Es ist jetzt eine dreiteilige Serie, bestehend aus drei Texten. Dieser erste hier beschäftigt sich mit meiner persönlichen Geschichte mit Melodien, Rhythmen und Instrumenten. Der zweite wird sich dann um den BongoBoulevard selber drehen und im dritten werde ich versuchen aufzuzeigen, wieso "Your Lie in April" es schafft, die Gefühle, die ich an zwei sehr spezifischen Momenten in meinem Leben erlebt habe, auf den Bildschirm zu projezieren.

Wer Robins Artikel über mich gelesen hat, wird wissen, dass Musik in meinem Leben eine grosse Rolle einnimmt. Laut meinem Last.fm-Profil höre ich 21 Lieder pro Tag. Dazu muss man noch alle Lieder zählen, die nicht mitgescrobbled werden, weil ich sie z.B. auf meinem Handy auf dem Weg zur Arbeit höre usw. Zusätzlich spiele ich nun seit zwölf Jahren Keyboard, seit fünf Klavier, seit zwei Jahren besitze ich eine Ukulele und während meiner Zeit am Gymnasium habe ich drei Jahre lang Gesangsunterricht geniessen dürfen.

Doch wie kam ich überhaupt zur Musik? Was macht für mich heute Musik aus? Welche Hindernisse musste ich überqueren, während ich meine Kenntnisse verbesserte und immer mehr Spass an der Sache hatte? Wieso wählte ich das Keyboard? Diese Fragen beantwortet dieser Text hier, um dann endlich meine Liebe zum BongoBoulevard in einem zweiten Teil erläutern zu können.

 

"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum" - Friedrich Nietzsche

Andi und Musik - eine Geschichte ständiger Annäherung und Distanziertheit

Wie ein YouTube-Kanal allererster Kajüte meine Leidenschaft zur Musik immer wieder anfeuert und am Leben erhält

Meine magischen, musikalischen Momente, die mich nicht nur auf eine musikalische Art und Weise geprägt haben und wieso "Your Lie in April" es schafft, Gefühle zu zeigen, die man sonst nur beim Musiktreiben selbst empfinden kann und sehr schwer zu erklären sind

Ich hatte stets ein spezielles Verhältnis zur Musik. Lange… sehr lange sogar habe ich Musik stets nur als Füllmittel gesehen. Sie füllt den Raum, lässt ihn weniger karg erscheinen, die Atmosphäre weniger still, weniger ruhig, weniger tot. Ich wählte das Keyboard zu meinem Instrument, weil ich es cool fand, wie man auch noch Schlagzeuger, andere Stimmen und ganz absurde Instrumente wie Ocarinas oder Dudelsäcke hinzufügen kann, und somit eigentlich jeden Ton erzeugen kann, obwohl man selbst nur die Klaviatur halbwegs beherrscht. Kurz gesagt: Ich hatte keine Ahnung und wurde von plumpem "Style-over-Substance" überzeugt. Aber kindisch wie ich war, fand ich es wirklich cool, so viele Knöpfe zu haben an denen man rumspielen kann. Kindliche Naivität kann man ja auch nicht verurteilen, oder?

Meine Eltern sind beide sehr unmusikalisch. Natürlich sie hören gerne Musik usw., aber Instrumente oder Notenlesen ist ein Fremdwort. Sonst hätten sie mich schon von Anfang an zu einem "richtigen" Instrument bewegt, aber sie hatten einfach Freude daran, dass ihr kleiner Sohn Geräusche erzeugt und Spass hat. Eher sollte man ihre Bereitschaft wertschätzen, mir ohne grosses Nachfragen die Möglichkeit für ein Instrument und den dazugehörigen Unterricht zu bieten.

Und so habe ich lange Musik gemacht. Mein Lehrer schaute sich jede Woche mit mir für 40 Minuten ein Stück aus seinem Büchlein an und als ich heim kam, dudelte ich dann einfach auf dem Keyboard herum oder brachte mir Game- oder Filmsoundtracks mit selbst aus dem Internet gedruckten Noten oder per Youtube-Tutorial bei. Das sorgte unter anderem auch dafür, dass ich viele Stücke nur so halb konnte, meistens die erste Strophe und den Refrain – fertig. Ich spielte immer nur den Part, der mir gefiel, der bei mir einen Ohrwurm auslöste, nie das ganze Stück. Natürlich brachte ich damit meinen Lehrer regelmässig zur Weissglut, jedoch zeigte er meistens Nachsicht.

Doch wie das so ist, man wird älter. Und damit meist auch reifer. Irgendwann kam ich zu ihm und sagte: «So. Ich will, dass Sie mir jetzt das Klavierspielen beibringen. Keyboarden ist Kindersache, meine linke Hand wurde ganz vernachlässigt. Es wirkt zu wenig gehoben, es ist nicht klassisch genug!» Okay, vielleicht hat der zwölfjährige Andi andere Worte und Formulierungen gebraucht, aber Ton war in etwa derselbe. Passend dazu haben mir meine Eltern ein D-Piano gekauft – also ein Gerät, welches über eine Klaviertastatur verfügt, dessen Software aber eigentlich die eines Keyboards ist. Ein Kompromiss also. Dieses wunderschöne Clavinova CVP 509 von Yamaha aus auf Hochglanz poilertem Mahagoni ziert noch bis heute mein Schlafzimmer. Das wohl schönste, mir liebste und wertvollste Etwas in meinem Besitz. Yamaha CVP 509

Doch der Lehrer sah zum Glück das Potential in mir und zwang mich auch zuerst die Musiktheorie anhand der Klassischen Musik zu erlernen. Ich muss wohl erwähnen, dass ich bis da überhaupt keine Ahnung von Harmonielehre und dergleichen hatte. Doch irgendwie wollte ich das da auch nicht lernen. Geübt habe ich nie, habe immer noch stets meine Soundtracks gespielt, die dann sogar teilweise in die Stunde mitgenommen, der Lehrer musste sich anpassen usw. Ich war nicht sehr lernfreudig und mein Lehrer liess mich machen. Das hat seine Vorteile und Nachteile mit sich gebracht: Hätte er mich gezwungen mehr zu üben, mehr zu lernen, wäre ich wohl heute ein besserer Pianist und Musiker im Allgemeinen. Doch wäre er damit auch die Gefahr eingegangen, dass ich den Draht zum Musizieren ganz verloren und die Tasten verstauben lassen hätte. Da war ich nämlich schon oft sehr nah dran gewesen.

Wie auch immer, im Gymnasium musste ich mich, allein der Schulnoten wegen, mit Musiktheorie auseinandersetzen und sah schnell, dass doch passiv irgendwas von meinem Lehrer bei mir hängen geblieben sein muss, da mir das doch recht gut lag. Von der Schule aus mussten alle, die Musik anstatt Bildnerisches Gestalten gewählt hatten, Instrumentalunterricht an der Schule besuchen. Da ich ja schon Klavierstunden hatte, entschied ich mich da für das Fach "Sologesang", da ich nicht zwei Klavierlehrer gleichzeitig haben wollte. Und kurz daraufhin beendete ich auch meine Klavierstunden, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, mein Lehrer könne mir nichts mehr beibringen. Neun dankbare Jahre lang hatten wir uns jeden Mittwoch um 13:30 Uhr gesehen. Es war Zeit für etwas Neues.

Alle 10.-Klässler werden dann auch noch von der Schule aus "gezwungen", in den Schulchor zu gehen. Und dafür werde ich wohl ewig dankbar sein. Zum ersten Mal in meinem Leben musizierte ich ernsthaft mit anderen zusammen. Etwas, was über das gelegentliche Singen von Liedchen im Musikunterricht oder über die "Happy-Birthdays" bei Geburtstagen von Klassenkameraden hinausging. Meine Güte war das toll. Ich freute mich jede Woche auf den Chor, weil ich wusste, dass ich da 45 Minuten lang mit Gänsehaut zuhören und selbst auch etwas beitragen würde. Toll!

Unser Chorleiter ist ein Genie. Wirklich. Nicht nur wegen seiner musikalischen Kompetenz – nein, er versteht es wie kein anderer das Herz der Musik rüberzubringen. Seine Führung, Elan und seine Leidenschaft sorgen dafür, dass der ganze Raum diese Stimmung in sich aufnimmt und jeden Anwesenden damit ansteckt. Der Chor wird zu einem einzigen Organismus, der Musik atmet und lebt. Wunderschön ist das, ich sage es euch.

Da packte mich die Lust, selber zu musizieren wieder. Inzwischen hatte ich sehr grob gelernt, was eine Kadenz ist, wie man einen verminderten Septakkord auflöst, ich meinte die Genialtität des Tristan-Akkords zu erkennen und ich lernte, wie eine Fuge aufgebaut ist. Währenddessen hatte ich immer wieder meine frischen Kenntnisse selbst auf dem Klavier angewandt und erweitert. So fand ich zum Beispiel ganz alleine heraus, was eine "Blue-Note" ist und wie sie gebraucht wird. Und mit dieser "Blue-Note", diesem sehr eigenen Klang einer Bluestonleiter habe ich dann meine Leidenschaft für den Jazz gefunden. Doch in welchem Zusammenhang dies geschah, das ist eine Geschichte für den dritten Teil dieser Artikelreihe.

Wie komme ich nun als nicht mal halb-fertiger klassischer Pianist zum Jazz? Was, wo, wie…? Ich entschloss mich wieder Klavierunterricht zu nehmen. Diesmal an der Schule, zusätzlich zum Gesangsunterricht, und mit dem Ziel, Jazz zu lernen. Ein neuer Lehrer, ein neues Ziel, eine ganz neue Motivation also. Ich lernte viel. Wirklich. Viel bestand auch nur aus Fingerübungen, den theoretisch wusste ich eigentlich oft, was ich machen musste, oder zumindest wusste mein inneres Ohr genau, welcher Ton jetzt da kommen müsste, um das so und so aufzulösen, jedoch mangelte es oft an der Umsetzung. Dieses Problem zieht sich durch viele Bereiche. Künstlerisch absolut unbegabt, war ich im Zeichnen oft sehr frustriert, da ich ein Bild vor Augen hatte, das aber nicht aufs Papier bringen konnte. Handwerkliche Dinge und das Klavierspielen liegen mir hingegen aber ganz gut. Sehr speziell das ganze...

Also, ich übte mich an der Umsetzung. Doch über das hinaus? Naja, ich muss zugeben. Ich verlor mich zuhause sehr schnell wieder an Filmstücken und Gamesoundtracks… Trotzdem, ich brachte mir autodidaktisch zuhause Jazz bei. Ganz nach der Hebammenmethode fütterte mich mein neuer Lehrer mit Häppchen, die zuhause dann ganz von allein zu einem Fünf-Gänge-Menü wurden.

In der Zwischenzeit ging mein obligatorischer Instrumentalunterricht an der Schule, also bei mir Sologesang, zu Ende, jedoch besuchte ich weiter den Chor. Und man tat mir das gut. Musik machte mich zu einem glücklicheren, zufriedeneren und wohl auch besseren Menschen – doch es ist spannend: Irgendwie war das immer mit einem Zwang verbunden. Ich musste nur für ein Jahr im Chor bleiben, blieb dann aber die drei Jahre bis zu meiner Matura. Ich wollte Klavierspielen, musste dafür aber Klassik lernen. Ich wollte Jazz lernen, musste dafür aber auch nur schon Grundkenntnisse von neuem aneignen oder neu lernen. Und so weiter.

Ausserdem entwickelte ich eine Schwäche für Synthesizer. Das beste Beispiel ist wohl das Intro zu Digital Timelapse, das ich selbst durch konzeptloses Rumdudeln in "Fract OSC" aufgenommen habe.

Das alles wäre eigentlich auf der Kippe gestanden, hätte es nicht einen sehr speziellen Moment während meiner Schulzeit und zwei ganz bestimmte Lieder gegeben, dank denen ich am Ball blieb. "Happy" und "Baba Yetu". Doch das ist eben eine Geschichte für den dritten Teil.

Gymnasium beendet, Maturitätszeugnis in der Hand und das ganze mit einem musikalischen "Knall" beendet war es Zeit für mich, auf Reisen zu gehen. Ich nahm zwar meine Melodica mit auf meine Reise ans Nordkapp, doch wirklich musiziert habe ich für zwei Monate nicht. Ausser natürlich am Nordkapp selbst, wo grosszügigerweise ein wunderschöner schwarzer Flügel auf mich wartete. Aber eben, sonst nicht. Und danach begann ich mein halbjähriges Praktikum. Keine Zeit für Musik da. Wochenenddienst, Spätdienste und die Müdigkeit machten das Musizieren schwierig. Ich versuchte also mich anders zu motivieren. Indem ich mir ein Launchpad kaufte. Ein tolles Gerät. Ganz klar. Aber um das längerfristig auch in dem Umfang zu benutzen, den es verdient, braucht es mehr. Es braucht eine bestimmte Art der kreativen Motivation, die bei mir durch den BongoBoulevard aufrechterhalten wird...

 

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