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Wie Reddit meinen Seriensommer verbesserte

Wie Reddit meinen Seriensommer verbesserte

Was für ein Sommer. Momentan komme ich fast nicht davon weg, dauernd am Bildschirm zu sein. Einerseits läuft die WM in Russland, andererseits laufen momentan so viele gute Serien, dass ich fast jeden Tag von irgendeiner Serie eine neue Folge schauen kann.

Momentan schaue ich vier laufende Serien: Legion, Westworld, Genius:Picasso und The Handmaid’s Tale. Zudem wurde vor ein paar Wochen noch auf Netflix die zweite Staffel von 13 Reasons Why veröffentlicht. Das Interessante ist dabei, dass 13 Reasons Why die einzige Serie ist, welche bingebar ist, das heisst: die einzige, bei der alle Folgen gleichzeitig verfügbar wurden.

Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, so hätte ich wohl behauptet, dass ich das Binge-Modell von Netflix lieber mag. 13 Reasons Why habe ich an zwei Tagen durchgeschaut, das gleiche galt für die jeweiligen House of Cards-Staffeln, Altered Carbon hatte ich in vier Tagen durch.

Wenn man gerade Zeit hat, ist es super. Man kann total in die Welt der einen Serie eintauchen, man ist voll dabei und wird nicht total frustrierend durch Cliffhanger bei der Stange gehalten. Nur Vorteile, oder?

Robin und ich schauten beide im wöchentlichen Rhythmus die erste Staffel von Westworld. Bei der zweiten bin ich es nun, der den wöchentlichen Rhythmus beibehaltet; Robin hat sich dafür entschieden, abzuwarten und die Serie am Ende am Stück zu bingen. Er behautpet, das würde für ihn gegebenenfalls das Serienerlebnis verbessern.

Ich möchte nun anhand dieser vier Serien, die momentan laufen, eine Gegenthese aufstellen. Es scheint so, als würde der wöchentliche Release von neuen Folgen mein Serienerlebnis verbessern und Reddit trägt einen grossen Beitrag dazu bei.

Überforderung

Dass jede Woche eine neue Folge released wird, ist klar das altertümlichere Modell. Netflix wurde mitunter dadurch erfolgreich, dass man die Serien suchten kann. Trotzdem scheine ich neuerdings davon überfordert zu sein. Ich binge gerne Serien, so wie bei 13 Reasons Why oder Altered Carbon neuerdings geschehen, jedoch scheine ich so zwar im Moment selber besser dabei zu sein, tiefer in der Immersion, danach, zwei Wochen später, aber viel mehr vergessen zu haben. Die einzelnen Ereignisse haben gar keine Zeit einen Impact bei mir zu hinterlassen.

Anders bei z.B. Legion und Westworld:

Westworld

Schwarmintelligenz

Legion und Westworld kann man wohl beide sehr gut als “convoluted” und “mysteriös” bezeichnen. Legion überzeugt mit einer wahnsinnigen (in beiden Sinnen, wahnsinnig gut und wahnsinnig im Sinn von verrückt) Bildsprache. Konzept der Serie ist es, den Zuschauer zu verwirren. Es werden red (oder doch green?) herings gestreut, Sachen werden sehr unterschwellig impliziert, die Geschichte wird nicht unbedingt chronologisch erzählt, die vierte Wand wird ständig durchbrochen. Monster und Charaktere werden angeteased.

Kurz gesagt: Noah Hawley, der Creator von Legion, der auch bei der Serienumsetzung von Fargo mitwirkte, macht, was er will und führt den Zuschauer an der Nase herum. Und das will man als Zuschauer auch! Legion ist ein absoluter Trip und, wie gesagt, wahnsinnig.Noah Hawley

Man könnte jetzt sagen, solch ein Trip soll ja möglichst durchgehend und schnell durch sein, damit man ihn am besten geniesst. Ich sage, eine Stunde Wahn pro Woche reicht mir und ist auch besser so. Dafür konnte ich dann aber im Subreddit reddit.com/r/LegionFX alles nachlesen, an der Diskussion teilnehmen und all die Ein-Frame-Einblendungen und versteckten Hints überhaupt erst finden. Ohne Reddit wäre ich grenzenlos überfordert und hätte das meiste verpasst.

Noch krasser ist das bei Westworld. Westworld ist das moderne Lost. Auf Reddit gibt es dutzende Threads zu jedem einzelnen Aspekt jeder Folge. Viele Timelines der ersten Staffel und fast der ganze Plot war von Reddit vorhergesehen worden. In der zweiten Staffel trieben es dann die Macher der Serie auf die Spitze und es wirkt gar, als hätten sie die zweite Staffel für Reddit geschrieben. Es gab wieder red herings und ganze Storylines führten absichtlich halb ins Leere, in der Annahme, dass Reddit das ganze wieder total überanalysieren würde. Hat Reddit auch, ist aber nicht schlimm.

Es gibt inzwischen wunderschöne Fanarts, tolle Infografiken und ellenlange Timeline-Übersichten, die jede einzelne Storyline der komplexen Geschichte der Serie genauestens aufarbeiten und aufzeigen. Alleine und gebinged würde man da sicherlich viel verpassen. Man merkt dann gar nicht, wie tief die Macher ins Detail gingen und verpasst tolle Hints und Easter-Eggs. So wurde z.B. ein massiver Plotpunkt der zweiten Staffel schon in der ersten gezeigt, es fiel einfach niemandem bis jetzt auf, dass das von Relevanz war.The Handmaid's Tale

Diskussion und Recherche

Die zwei anderen Serien, die mich momentan mitreissen, The Handmaid’s Tale und Genius: Picasso, profitieren auch von meiner Möglichkeit, die Sachen sinken zu lassen. Bei THT passieren so krasse Dinge, dass man teilweise einfach nicht weiterschauen kann; zu sehr nehmen einen die Geschehnisse mit. Da tut es dann gut, wenn man im Subreddit sein (Mit-)Leid mit anderen teilen kann. Es gibt auch hier wieder tolle Artworks und spannende Diskussionen darüber, wo uns die Geschichte noch hinführen könnte.

Bei Genius: Picasso ist diese Woche Pause von ganz anderer Relevanz. Bei der ersten Staffel, wo es noch um Einstein ging, fiel mir das noch nicht so auf wie jetzt. Als Schweizer weiss man viel über Einstein und ist stolz auf ihn. Ich studiere an derselben Uni wie er, hatte seinen Maturaufsatz schon in der Hand und sein Zeugnis schon mehrmals gesehen. Bei Picasso ist das ganz anders. Ich wusste Picasso ist ein Surrealist, Kubist aus dem 20. Jahrundert, der aus Spanien stammte und lange in Paris lebte. Ich habe in der Reina Sofia in Madrid eines seiner grössten Werke, Guernica, gesehen und das wars dann bald auch. Ich war kein Kunstfreund, habe das ganze nie wirklich verstanden und über Picasso nichts gewusst.

Diese Woche Pause ermöglicht es mir nun, Personen, Ereignisse, Gemälde, die in der Serie erwähnt werden, danach nachzuschlagen, mit anderen wieder darüber zu diskutieren, die sich vielleicht besser auskennen, um mich dann mit gewonnenem Wissen der nächsten Folge zu wenden.Genius: Picasso

Klar, das ginge auch, wenn ich die Serie bingen würde. Aber ganz ehrlich: Mir fehlt die Selbstdisziplin. Ausserdem würde ich gar nicht merken, dass mir das ganze Recherchieren Spass macht, weil ich keinen Anlass dazu hätte. Ich würde die Serie durchschauen, danach ein wenig googlen und mir denken: “Oh, spannend”, und dann die nächste Serie beginnen.

Diese eine Woche gibt mir Zeit, Parallelen bei anderen Künstlern zu entdecken, zwingt mich, mir Zeit zu nehmen, die ich dann für die jeweilige Recherche aufwende und lässt mich dann mit einem neuen Spannungsbogen die nächste Folge antreten.

Fazit

Ich bin froh, zwingen mich diese vier Serien, eine Pause zu machen. Ich bin froh, gibt es Serien, die man bingen kann.

Es gibt aber beides: Serien, die besser gebinged werden, und Serien, die in der altertümlichen Art und Weise glänzen. Sie müssen einfach dementsprechend geschrieben werden. Westworld ist das heutige Lost, Diskutieren und Theorycrafting ist da ein grosser Aspekt der Qualität. The Handmaid’s Tale lässt auch Theorycrafting zu, wäre aber auch am Stück einfach fast schon zu hart, ähnlich wie ich keine zwei Black Mirror-Folgen hintereinander schauen kann. Legion ist einfach zu verrückt, das kann kein Mensch alleine verstehen, da ist man fürs Theorycrafting auf die Schwarmintelligenz angewiesen. Und schlussendlich bei Genius: Picasso bin ich froh, habe ich die Zeit, mir Dinge anzueignen, ohne dass ich dadurch den Spannungsbogen unterbreche. Ich fühle mich nicht gestresst.

Und schlussendlich: Diese wöchentlichen Serien sorgen dafür, dass ich in meiner Lernphase wenigstens ab und zu das Textbuch hervorhole und nicht nur die ganze Zeit auf Netflix rumgammle.

PS: Die objektiv beste Serie der Welt, SUITS, hätte ich lieber gebinged… aber man kann ja nicht alles haben.

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Posted by Andi in Blog, Thoughts